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In andere Welten eintauchen – Wissen miteinander teilen

Berichte von Gundi Dick* aus Lilongwe, Malawi

27.10.2022

Liebe Alle,

Edward Nyuma Mkandawire, der Geschäftsführer der NGO Center for Youth and Children’s Rights ist Zwilling. Er ist der zweite, das geht aus dem Namen Nyuma hervor. Er und seine knapp ältere Schwester wuchsen in einem Dorf auf. Als Zwillinge hatten sie die Aufgabe, für das Dorf zu beten – dass Regen kommt, dass der Sturm nachlässt, dass Unheil abgewandt wird. Wenn jemand starb, durften die Angehörigen erst Trauern, nachdem die Zwillinge geweint hatten. Den Zwillingen wurde die traurige Nachricht überbracht, sie reagierten mit Tränen und dann war Trauern für alle gestattet. Edward hat von Anbeginn einen besonderen Draht, vor allem zu Jesus. Er hatte bis vor kurzem Träume, in denen er den Teufel besiegt hat. Sogar der Pfarrer musste eingestehen, er bräuchte ihn nicht zu segnen, er ist von selbst stark und von Gott gesegnet. Die Träume waren nicht immer angenehm, Edward musste viele Herausforderungen in Todesangst meistern. Bis jetzt ist es im gelungen – die Träume haben auch nachgelassen, das ist ihm recht.

Bevor die Zwillinge die wichtigen Aufgaben der Gemeinde übernahmen (erst im Alter von 4-5 Jahre), also davor zur Zeit der Geburt, wurde die Mutter der Neugeborenen außerhalb des Dorfes in eine Hütte verfrachtet. Denn Zwillinge sind ein bedenkliches Omen und die, die sie gebiert darf nicht zurück in ihr Haus zu ihrem Mann, sondern sie muss ein Monat isoliert werden. Ihr Mann, der Vater der Zwillinge, brachte ihr Essen. Nach diesem Monat, in Vorbereitung auf die Rückkehr der Mutter musste das Haus mit Weihwasser und Räuchern gereinigt werden. Erst danach konnte sie zurückkommen, erst dann geschieht kein Unglück mehr. Edward sagt, für ihn und die Zwillingsschwester war es nicht so schlimm, denn die Geburt fand in einem Krankenhaus statt und so blieben sie mal 14 Tage dort und kamen erst dann zur Mutter in die Hütte.

Eine Gesellschaft kann viel Phantasie entfalten, um Frauen schuldig zu machen. Edward selber ist ganz gut davon gekommen, sagt er und er kann seinen Draht zu Gott immer mal nutzen. Er ist für Besonderes bestimmt, da ist er sich ziemlich sicher.

Die NGO, die Edward 2014 von seinem Vorgänger übernommen hat – der Vorgänger ist einfach Richtung Politik abgehauen und hat eine Partei gegründet (ohne cool down Phase, die eigentlich obligatorisch ist) und hat ihm die Leitung nicht ordentlich übergeben, stattdessen hat er ihm mittelmäßigen Staff hinterlassen, von denen er schon einige losgeworden ist. Jedenfalls die NGO arbeitet derzeit nur mit Ehrenamtlichen. Die sitzen im Training, das ich leite und wir haben gestern begonnen, am Strategieplan zu arbeiten. Denn es braucht definitiv eine neue Strategie, ist Edward überzeugt (mir scheint, er will mit der neuen Strategie die restlichen Unliebsamen loswerden und vielleicht meint er auch, dass ich ihm da helfen soll – eine heikle Mission, finde ich). Ich fand den gestrigen Auftakt nicht schlecht, abgesehen davon, dass einer der unliebsamen Staff Überbleibsel auch im Training sitzt und offenbar nicht recht weiß, wozu. Mathew tut auf lässig, ziert sich, kündigt an, dass er nicht immer teilnehmen kann, bringt bei der SWOT Analyse (Strength and Weaknesses & Opportunities and Threats) auf komplizierte, nicht ganz verständliche Weise seine Gedanken ein, schwenkt bei Nachfrage dann um auf eine andere Überlegung und ist insgesamt so irgendwie beleidigt. Die anderen fünf sind erst kurz bei CEYCA, kamen im Rahmen eines Volontariats in die Organisation und würden hier gerne einen Arbeitsplatz finden. Edward stellt ihnen das in Aussicht.

Dieses Training hat jedenfalls mehrere Aufgaben zu erfüllen: richtungweisend für die NGO zu sein, Großreinemachen, was die abzubauenden Mitarbeiter*innen betrifft, dafür eine Stimme von außen zu haben (das bin ich), die ihn bestärkt, Edward in seiner Position zu festigen, und ganz wichtig, dafür zu sorgen, dass die Gelder für die Arbeit der NGO rasch wieder fließen. Es wird sich nicht alles ausgehen, aber abgesehen davon bin ich neugierig auf die Trainingsteilnehmer*innen. Sie steigen, finde ich, ganz gut ein (außer der schmollende Mathew, dem wohl Böses schwant).

Die Hauptstadt Lilongwe ist das, was man gesichtslos nennt. Die Zentren sind die Shopping Malls, die trügerisch gutsituiert daherkommen. Denn 50% der Bevölkerung ist nach internationaler Definition arm. Der Großteil lebt am Land. Die Umgangssprache ist Chichewa, hallo heißt wawa, guten morgen heißt mwadzuka bkanji  (hab ich gerade von einer vorbeigehenden Hotelangestellten gelernt. Sie würde mir morgen weitere Wörter lernen, ich habe darum gebeten, nicht zu viel auf einmal…) Ganz wichtig ist das Wort Nsima – das sind Maisnockerl (weiß, fest, ohne viel Geschmack – brauchen Sauce oder anderes dazu. Dienen als Löffel für das andere). Nsima wird jeden Tag zweimal gegessen – zu Mittag und am Abend. Gerade hat mich die junge Hotelangestellte nochmals im Vorbeigehen abgeprüft, ob ich grüßen kann – wawa. Sie unglaublich weiße, schöne Zähne. Ich sitze im Garten des Hotels, neben dem Swimming pool, im Schatten unter einem Baldachin.

Malawi wurde 1964 unabhängig. Lilongwe war ursprünglich ein Dorf und unter dem ersten Präsidenten Banda wurde das Dorf im Jahr der Unabhängigkeit zur Hauptstadt. Denn Blantyre, das kommerzielle Zentrum, liegt im Süden – also geografisch ungünstig. Die Stadt wurde am Reißbrett entworfen, die Häuser sind alt, sagt Edward, so 20-30 Jahre. Große Straßen werden derzeit gebaut, bestehende erweitert. Dafür müssen Bäume fallen, die Chinesen sind da am Werk, sagen Edward und Trainingsteilnehmerin Grace. Die Straßen werden nicht lange halten und schade um die Bäume, sagen sie.

Gestern ging ich am Abend rüber ins Restaurant essen. In meinem Blickfeld an einer Tafel saß diese indische, muslimische Familie, eine Geburtstagsfeier war im Gange. Kinder rannten raus und rein, um den Tisch, herum, die Vierjährige im rosa Festtagskleid grüßte mich während des Umrundens großzügig mit Winken, die Torte kam auf den Tisch und ehe ich mich versah, stand ein Tortenstück auf meinem Tisch. Ganz beiläufig, mit einem Lächeln. Wer hat den Geburtstag? Mein Vater, sagt die Überbringerin. Ich hätte auf das Mädchen mit der Schleife im Haar getippt. Süße Torte, willkommene Nachspeise. Und eben eine dieser Gesten, die so freundlich sind.  

Morgen folgt Trainingstag 2. Jetzt noch ein bissl vorbereiten. Dann geht sich vielleicht noch ein Spaziergang Richtung Stadt aus. Crossroads liegt ein Stück außerhalb des Zentrums.

Liebe Grüße für heute,

Gundi

 

8.11.2022

Liebe Alle,

Der gestrige Montag gestaltete sich trainingsmäßig schwierig: in der Früh schreibt Tiwonge ein Mail, sie würde die ganze Woche nicht zum Training kommen, denn sie müsse an ihrer Uni-Abschlussarbeit schreiben. Kurz drauf kommt ein WhatsApp von Grace rein, sie hätte sich an der Fußsohle verletzt und müsse ins Krankenhaus. Charles, der Fahrer kommt in der Früh nicht zum Hotel, um mich abzuholen – kommentarlos. Ich begebe mich im Hotel in Warteposition und in den Nachfragemodus. Irgendwann schreibt Edward, Leiter der NGO Center for Youth and Children’s Rights es gäbe in der Stadt keinen Benzin. Am späteren Nachmittag kommt Edward im Hotel vorbei und berichtet, Hastings hätte in der Früh am Weg zum Training einen Unfall mit dem Motorrad gehabt, ein Autofahrer hat ihn von hinten angefahren. Edward selbst war in der Früh zum Unfallort geeilt und bemühte sich dort bzw. auf der Polizeistation, dass Hastings nicht die Schuld für den Zusammenstoß zugeschoben wird. Hastings selbst war nicht im Stande den Sachverhalt darzustellen. Und Patience sei zwar von der Gedenkfeier ihrer beiden Brüder, die vor zwei Jahren binnen eines Monats an Covid gestorben sind, aus dem Dorf zurückgekommen, jedoch mit Durchfall. Alle fünf Trainingsteilnehmer*innen hatten also triftige Gründe für nicht Nichtkommen und somit fiel dieser Trainingstag mal flach. 

Etwas anderes: schon vor einiger Zeit und immer wieder poppten im Training Äußerungen auf, wie ‚die Menschen in Malawi haben nur eines im Sinn: Sexualität.’ Für Frauen sei das schon schwierig, sagt Edward, denn sie sind es, die in der Früh zeitig aufstehen, das Frühstück für den Mann und die Kinder richten, dann den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten, dann kommen sie nach Hause, dann will der Mann wieder etwas zu Essen und danach will er Sex mit seiner Frau. Er hat ja ein Recht drauf. Doch sie ist müde. Patience fragt, ob in Österreich auch der Mann das Recht hat, mit seiner Frau zu schlafen. Ich kann keine rechte Antwort drauf geben.

Übrigens zum Satz ganz oben, der von Edward kam, der Satz also müsste lauten, ‚Männer in Malawi haben nichts anderes im Sinn’. Aber so schlagfertig war ich nicht.

Beim nächsten Mal kommt das Thema wieder daher: es ging um Traditionen. Die seien, speziell in den Dörfern, nicht so einfach zu ändern, sagt Patience. Also Mädchen werden z.B. von klein auf angehalten, ihre Schamlippen zu vergrößern, denn das würde die Männer besser befriedigen, erzählt sie im Training beim gemeinsamen Mittagessen. Und dann erzählen gleich alle, dass es die Initiationsrituale gibt, für Mädchen und für Buben. Ab acht Jahren oder auch erst mit zwölf, in den Schulferien, abgelegene Camps, die Eltern dürfen da nicht hin, über mehrere Woche, werden die Mädchen ‚von ihrer Kindheit gereinigt’ und in die Erwachsenenwelt eingeführt. Ihnen wird von einer Initiationsberaterin gezeigt, wie Sex mit Männern funktioniert und was sie tun müssen, um diese zu befriedigen. Die Mädchen sollen danach nicht mit anderen über das Camp reden (was nicht funktioniert). Es geht weiter: sobald Mädchen dann das erste Mal menstruieren, sollen sie mit einem Mann schlafen. Findet sich keiner, engagieren die Eltern einen professionellen Vergewaltiger (würde ich sie nennen), der wird Hyäne genannt.

Ich erzähl das nicht, weil ich voyeuristisch bin oder weil das eine ‚besondere’ Geschichte ist, von der man/frau nichts mitkriegt, wenn man als Tourist*in im Land herumreist, oder weil ich das Land als barbarisch darstellen will, sondern weil ich es erschütternd finde, was Mädchen angetan wird, wie sie zugerichtet werden. Hier und anderswo, auf unterschiedliche Weise. Ich finde, darüber muss geredet werden. Hier und anderswo. Ich gehe jetzt nicht in Details, einzig hier ein (älterer) interessanter Artikel zu dieser Rite de Passage.

Mädchen in Städten mit ausgeprägtem christlichem Hintergrund bleiben eher verschont als Mädchen auf dem Land. Die Kirche veranstaltet etwas ähnliches, aber eben mit Fokus auf: in der Schule bleiben, lernen, womöglich später einen Beruf ausüben – statt früh sexuell aktiv sein, schwanger werden, früh Heiraten oder auch nicht, aus der Schule gehen.

Es gibt Organisationen, die sich damit befassen und ‚alternative Initiationen‘ propagieren. Denn ersatzlos streichen ginge nicht so gut.

Naja, um mit etwas Schönem abzuschließen: am Samstag bin ich im Malawisee geschwommen – bacherlwarm. Das Team hat mit mir einen Ausflug gemacht. Edward hat uns chauffiert.

Liebe Grüße,

Gundi

 

 

*Gundi Dick ist seit ihrer Pensionierung Senior Expertin und wird durch die deutsche Stiftung Senior Experten Service ( https://www.ses-bonn.de/) als ehrenamtliche Fachkraft vermittelt. Auf Anfrage von lokalen NGOs leitet sie vierwöchige Trainings in Fundraising und Strategieentwicklung. In den letzten Jahren war sie mehrmals auf Einsatz. Im Oktober/November 2022 hält sie sich in Malawi auf. Der Kooperationspartner Center for Youth and Children’s Rights, mit Sitz in Lilongwe, stärkt hier Kinder- und Jugendrechte, sowie die Rechte von Frauen.