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Texte aus der Gegen.Schreib.Klasse

Wir schreiben gern gemeinsam in der Gruppe und haben nicht nur(!) Spaß dabei…

 

Gruppenarbeit Wörterbuch gegen Klassismus

Wir beschäftigen uns mit Sprache, die unterdrückt, beschämt, auf schlechte Plätze verweist … und suchen nach Ausdrücken, die solche Zumutungen zurückweisen. Wir bitten um eure Unterstützung.

Angefangen haben wir mit einer Reihe von Begriffen, die noch lang nicht fertig ist…

Wörterbuch gegen Klassismus

 

Gruppenarbeiten „Schlag-fertig“

Jedes Gruppenmitglied beschreibt ein dikriminierendes, beschämendes, ärgerliches Erlebnis  – wie immer ohne Anspruch auf Authentizität (Teil 1), ein anderes Gruppenmitglied schreibt weiter (= Teil 2), so dass die Sache möglichst eine stärkende Wendung nimmt.

 

Der Direktor errötet

Teil 1

Sie ging in die Volksschule, sie war 7 oder 8. Die Volksschule stand gerade mal 3 Minuten im Laufschritt vom Elternhaus. Sie war in der Schule nicht „noch rasch auf die Toilette“ gegangen. Sie hatte nach Schulschluß eine kleine Abkürzung über‘s Blumenfeld genommen. Der Direktor ertappte sie und stellte sie zur Rede. Vor dem Direktor stehend spürte sie, wie etwas Warmes die Strumpfhose hinunterrann…

Teil 2

Ah war das erleichternd! Sie sah genau, dass der Direktor genau sah, dass ihre Strumpfhose immer nässer wurde. Und sie sah, dass ihm das voll super peinlich war. Eigentlich. Aber er redetet noch immer über Blumen. Und dass man sie nicht zertrampelt und bla bla bla. Sie schaute „zerknirscht“. Und ließ laufen. Bis er ging. Mit hochrotem Kopf.

Der Direktor errötet

 

Bildungsaufstieg

Teil 1

Alles in allem hat sie 10 Jahre im 2. Bildungsweg für den Bachelor-Titel aufgewendet (und ihn mit knapp 40 erlangt). Und doch wird sie die „bloße“ Lehre der Bürokauffrau, als die sie sich empfindet, nicht los – vor allem in Situationen, in denen ihre Expertise in Frage gestellt wird.

Teil 2

Sie hat den Eindruck, dass mit der Prekarisierung der Arbeit auch eine starke Entwertung der Bildungsabschlüsse einhergeht und dass aber nicht diese, sondern die Eingebundenheit in soziale Zusammenhänge das Wichtige sei. Solcherart weist sie die Abwertung von als „niedrig“ bewerteten Tätigkeiten als diskriminierende Etikettierung entschieden zurück.

Bildungsaufstieg

 

Zebra- und andere Streifen

Teil 1

Sie geht auf der großen Straße über den Zebrastreifen und muss aprupt stehen beiben, um nicht überfahren zu werden. Ihr lautstarker Protest wird vom männlichen Autofahrer mit dem Stinkefinger Beantwortet.

Teil 2

Sie greift in die Manteltasche, lässt das Messer klicken und fährt von der Frontseite bis zum Heck über die Autoseite. Die Spur ist noch von der Ferne sichtbar.

Zebra- und andere Streifen

 

Übergriff und Untergriff

Teil 1

Er sieht: Ihr Rucksack ist weit geöffnet. Sie will aus der Straßenbahn aussteigen. Er klopft ihr auf die Schulter und zeigt auf ihren offenen Rucksack. Sie schreit auf, schlägt wild auf ihn ein und beschimpft ihn als Dieb.

Teil 2

Er bleibt cool. „Also bitte, wenn Sie sich bestohlen glauben, rufen Sie doch ganz schnell die Polizei. Hier bitte, mein Handy. — Sie sollten sich aber beruhigen, damit ich aus Ihrem Rucksack was rausholen kann. Denn sonst müssen Sie womöglich den Polizeieinsatz selbst zahlen….“

Übergriff und Untergriff

 

Gleichwertige Sprachen

Teil 1

Sie kommt ins Gymnasium in der nächsten Kleinstadt.
1. Schultag.

Sie sieht, wie modisch die Mädels angezogen sind und schämt sich für ihren Plisseerock und ihr weißes Bluserl (sie hat sich extra schön gemacht).
Aber es kommt noch dicker:
Kaum, dass sie den Mund aufmacht, äfft die Angesprochene ihren Dialekt nach und fragt: Wo kommst DU denn her?

Teil 2
Was DAS kennst du gar nicht? Wo kommst DU denn her?

Gleichwertige Sprachen

 

 

Der sich als Platzhirsch glaubte

Teil 1

Wir sitzen im Zug, zwei Freundinnen und ich (alle Mitte fünfzig). Ein Typ, ca. 45, kommt und sagt, er hat hier reserviert. Wir auch. Das ist unsere Reservierung. Ein Streit entspinnt sich. Er sagt: Wir sind schiache hässliche frustrierte Weiber.

Teil 2

Ich hole tief Luft – während meine Faust sich ballen möchte – und ziehe ruhig unser Ticket aus der Tasche, auf dem die Reservierung für den Platz zu sehen ist. Zwar eh sehr deutlich, aber ich zeige nochmal extra hin – „zur Sicherheit“. Er dreht sich weg und geht brummend davon, während meine Freundinnen und ich abwechselnd wie im Kabarett zu einer sagen „Hean’s des is mei Plotz!“ – „Na, do hobi i reserviert!“ – „Na sicher net.“ Und so weiter in einem fort, während wir prusten und herzlich lachen und fast keine Luft bekommen, schlussendlich fröhlich seufzen, während wir uns erleichtert die Tränen wegwischen.

Der sich als Platzhirsch glaubte

 

WEITERE FOLGEN DEMNÄCHST

 

Die Texte laden zum Weiterschreiben ein. Schickt uns doch eure Fortsetzungen

oder / und kommt zu unserer Gegen.Schreib.Klasse ins Amerlinghaus.

https://www.alterskompetenzen.info/gegen-schreib-klasse/

 

Individuelle Texte – ein paar Beispiele

Weitere …

GegenSchreibKlasse – Beiträge der Beteiligten

cw

(Mikro-)Aggression?

Er betritt die Filiale einer Bäckerei-Kette.
Die Menschen vor ihm bestellen und bezahlen.
Die Reihe wird kleiner – endlich ist er an der Reihe.
Er nennt der Verkäuferin seine Wünsche.
Sie reicht das Gewünschte über den Thresen.
Er gibt ihr eine Banknote.
Sie mustert die Banknote, hält sie prüfend gegen das Licht und versucht, sie zu knittern.
Er stutzt – hat sie das bei den Anderen davor auch gemacht? Nein.
Sie gibt ihm das Wechselgeld, das ebenfalls zwei Banknoten enthält.
Im Versuch, die Irritation zurückzuspielen, hält er die Banknoten ebenfalls gegen das Licht
und versucht, sie zu knittern.
Sie ist bereits mit der folgenden Kundschaft beschäftigt.

 
cw

Ohne Worte

Sie hatten via E-Mail Kontakt, man war per „Du“.

Sie schrieb einen Entwurf für eine Erwiderung und wollte inhaltliche Bestätigung.

Er bestätigte. Er hatte aufgrund des Textes den Eindruck, dass sie Legastenikerin sein musste.

Die Erwiderung wurde publiziert.

Die Zeit verging, man wollte sich einmal „in echt“ treffen.

Nach einigen Verschiebungen und seinem Beharren gelang das.

Nach kurzem freundlichen Smalltalk meinte sie, es wäre besser per „Sie“ zu sein.

Sie war Universitätsprofessorin, die sich ihren Job verdient habe, meinte sie.

Er war erwerbsarbeitslos – und …. perplex, hatte Ihre Professur nicht etwas mit Ethik zu tun?

Das Gespräch endete ohne Vereinbarung weiterer Treffe
 

lg

Papa

Thema 1

Bildung war für die Buben immer schon oberstes Gebot. Auch in der kleinen Zimmer-Küche-Wohnung, in der sie zusammen mit ihren Eltern in Hernals wohnten. Die Buben schliefen in der Küche, in der sie auch am Küchentisch lernten und Aufgaben machten.

Bildung war Investment in den sozialen Aufstieg, das Kapital, das erwirtschaftet werden musste.

Der ältere Bruder war ehrgeizig und wusste, sich mit den richtigen Kreisen anzufreunden. Kirche, Cartellverband, Partei.

Bruno dagegen war eher der Künstler. Um es kurz zu machen, der große Bruder schaffte es bis zum Sektionschef im Außenministerium. Der kleine Bruder wurde dagegen wurde weder berühmt noch reich noch mächtig. Für seine Familie blieb er der Looser und arme Verwandte, der den sozialen Aufstieg, das Ziel und Dogma bürgerlicher hierarchischer Gesellschaft verfehlt hat. Der sich dahin gfrettet und entweder auf dem Gebiet der Kunst noch in Bezug auf die berufliche Karriere nicht geschafft hat – denn wenn schon Lehrer, dann bitte zumindest auf der Hochschule, oder?

Variation zum Thema

Zum Glück habe ich damals die Auseinandersetzungen mit meinem Vater nicht gescheut. Lernen, gut und schön, aber sich für was Besseres halten als die anderen armen Schlucker um uns herum? Ja sicher, der große Bruder, mit all seinen Anbiederungen und peinlichen Auftritten mit seinen Mitstudenten im feinen Zwirn… Naja heute würde man Networker dazu sagen, aber das erspar ich mir. Der steife Kerl, der sich versucht in der Partei hochzudienen, und schon gar nicht mehr weiß, wohin er schauen soll, dass er nicht andauernd die Schiebereien und Freunderlwirtschaften sehen muss. Der Stress, immer besser sein zu müssen, denn wenn die einen den „richtigen“ bürgerlichen Hintergrund – sprich Geld – haben, bleibt unsereinem nur die Cleverness. Naja, clever bin ich auch, was ich alles schon gemacht hab – Reiseleiter, Übersetzer, Lektor, Maler, Lehrer …. das ist doch phantastisch, das soll mir einer nachmachen.



Thema 2

Drei Kinder in viereinhalb Jahren, die Mutter der Frau – das sind mit ihm selbst insgesamt 6 Personen, die er zu ernähren hat. Bis weit in die 60er Jahre reicht es oft nicht, nur mit Ach und

Krach. Das nagt heftig am sowieso schwach ausgeprägten Selbstbewusstsein. Aber der bürgerliche Mann hat schließlich für seine Familie zu sorgen, daraus bezieht er seine Identität und dadurch

behält er die Kontrolle.

Die Frau ist viel jünger und attraktiv, dazu neigt sie zu Koketterie (Wohl als Teil eines bürgerlich-weiblichen Selbstbildes, das aus Schönheit, Attraktivität und die Fähigkeit, Begehren zu wecken,

weibliche Identität konstruiert. Die vermeintlichen „Waffen der Frau“, mittels derer Männer kontrolliert und manipuliert werden können…)

Ihr Wunsch, arbeiten zu gehen und Geld dazuzuverdienen, wird wohl als Angriff auf die Daseinsberechtigung des Mannes als alleiniger Familienernährer verstanden und schürt

damit verbunden die Angst vor dem Kontrollverlust.

Variation zum Thema

Oje, es fühlt sich eh schon nicht so an, als ob ich der Mann im Haus wäre – der ist gewissermaßen sowieso die Mutter der Frau, die alles bestimmt – und jetzt das noch! Aber eigentlich – es wäre

schon super. Wir hätten mehr Geld im Haus, die Frau ist zufriedener und würde weniger Unterhaltung erwarten und mich weniger nerven, wenn ich müd nach Hause komme und dann noch

mit den Auftragsbildern dazuverdienen muß. Was ich dann auch sein lassen könnte, das Geklekse für reiche Amerikaner geht mir voll auf die Nerven. Vielleicht komme ich dann wieder dazu, zu

malen wie ich will.

Und was meine Schnöselverwandtschaft denkt, kann mir auch egal sein. Dann bin ich eben ein „moderner“ Mann, der auch dann noch genug Eier hat, auch wenn die Frau lohnarbei

 

uk

Christkind & Weihnachtsmann konterkariert

Christkind & Weihnachtsmann konterkariert … Weihnachtsmann? So a Schmarrn und des Christkind is a Hex.
Ich möchte mich heut über die Protagonisten des kommenden Theaters mokieren. Heute ist den ganzen Tag übermorgen, von gestern aus gesehen, werde ich am 22.12. sagen.
Der Weihnachtsmann ist eine Verkaufsstrategie, ein nicht existierendes Gespenst, ein Werbegag und ein Zwillingsbruder vom Krampus, der glaubt, er sei der Nikolo. Weihnachtsmann hasst Krampus, weil er vermutet, dass Christkind in diesen verliebt ist und Weihnachtsmann, den’s ja nicht gibt, liebt Christkind. Doch das Christkind is a Hex. Am 24. Dezember wird es herbeigeglöckerlt, meistens so gegen 17 Uhr und verzaubert Kind und Kegel und die Menschen fangen wie die Verrückten zu singen an, aber nicht Stille Nacht, nicht Tannenbaum, nicht leise rieselt der Schnee,
sondern es erklingt unter dem angesengten Plastebaum folgender Wechselgesang:
LISL: der schwarze Mann, trau ihm nicht! Trau ihm nicht, wenn er dir droht und trau ihm nicht, wenn er dir schmeichelt. Er ist die Schlange, der Höllenfürst. Der nicht existierende Weihnachtsmann wird uns alle ins Verderben stürzen, wir müssen beten, ganz viel beten.
DAS CHRISTKIND, aus dem Off, wo es mit dem Krampus ziemlich schamlos der fleischlichen Lust frönt: „Ein schwarzer Mann mit langen Krallen hat untenher an meinen Leib gedrückt, dass es sehr sehr weh getan hat.
LISL: Ich bin ja meistens ein Tier gewesen, die rote Kuh aus dem unheiligen Stall. Der nicht existierende Weihnachtsmann hat mir ein samtenes Kappl vors Gesicht gehalten und mich in die Kuh verwandelt und du, Christkind Du Hur, hast ihm dabei geholfen, Du mit deinem Schadenzauber!
NACHRICHT AUS FROSCHHEIM: am Hof nebenan sind zwei Kühe umgestanden. Am Hof gegenüber drei Pferde, im unheiligen Stall von St. Christkind waren mehrere Bäuerinnen gekrummt, jetzt sind sie wieder gesund. Keine von ihnen hat ein geweihtes Ei ins Schmalz geschlagen. Vorgestern ist ein sechsjähriger Bub aus dem Fenster gefallen und hat sich das Genick gebrochen. Doch wurde er aus dem Grab geholt – als tollwütiger Wolf,
…, der sich jetzt unter uns befindet und nach Ablegen seines Fellrockes wegen seiner Räude auf der Erde sich wälzt. Er wird dich ins Wadl beissen und mit einer glühenden Zange zwicken und dich dann scheibchenweise verzehren!
CHRISTKIND: Du kannst mich kreuzweis, I bin a Hex mit außerirdischen Kräften und vielen Malefizien, wie auch der Wetterzauberei. Ich schick euch verdorbenen Menschenkindern
jetzt in regelmäßigen, sehr kurzen Abständen Unwetter, Hagel, Stürme und Vulkanausbrüche und fliege zu meinem geilen Krampus in raschem Flug durch die Luft und dich, Lisl verwandle ich in eine Maus!
In der Zwischenzeit hat sich der Bettel von allüberall aus der Welt vor dem unheiligen Stall als lauthals randalierende Masse vor dem unheiligen Stall versammelt.

 

hp

Höhepunkt einer Karriere

in 3 Kapiteln: Sie. Das Event. Die Erkenntnis

Wahre Karriere braucht nicht mehr als 953 Zeichen.

Sie

55, weiblich, wieder einmal arbeitslos

Berufliche Biografie: Viele interessante, meist kurze Jobs – immer zu Ende, bevor’s fad wurde, manchmal halt auch früher.

Zukunftsaussicht: langzeitarbeitslos bis 60, dann Pensionierung

Existenzgrundlagen: ok.

Das Event

30. April 2008. Wien Volksgarten. Von einer Gruppe Feminist:innen zum Tag der arbeitslosen Frauen erklärt. Mit tollem Picknick und Musik. Gute Stimmung, viele Freundinnen da, die Sonne scheint. Sie genießt. Sie freut sich sehr, da im duftenden Gras zu liegen.

Die Erkenntnis

Mein Bildungsaufstieg hat sich gelohnt! Wenn ich dran denk, wie meine Mutter mit 55 geschuftet hat (und die Schufterei war noch längst nicht zu Ende) – ich dagegen hier! Ich hab’s geschafft!

Überrascht von dieser Erkenntnis, hat sie ihre Geschichte reflektiert.

Die Prüfung ergab: Stimmige Erkenntnis.

 

hp

Klasse als markanter Player

F – aus bildungsbürgerlicher Familie – erzählt, wie sie ihre Vorliebe für Liebhaber aus der Arbeiter:innen- und Bäuer:innenklasse heute interpretiert. Sie hätte wohl gemerkt, wie oberflächlich das soziale Engagement – von beiden Elternteilen ganz groß geschrieben und vielfältig praktiziert – sei. Daher hat sie es auf die Probe gestellt. Durch eine Ehe mit einem Bergbauernsohn ist ihr das voll gelungen. Das Entsetzen der Familie war zwar verhalten und gut getarnt, aber doch nicht zu übersehen.

F war auch sonst widerspenstig, wollte bspw. ein Handwerk lernen. Allerdings hat F ein Fach gewählt, das unter Kunst laufen kann und das sie später an der Kunstakademie studierte (F hatte selbstverständlich! die Matura). Damit war die Berufswahl der Tochter ganz gut in das Weltbild der Bildungskaste integrierbar.

Radikaler waren die Lebensentscheidungen von L.s Bruder. Er hat schon die Matura verweigert und sein Leben anders ausgerichtet. Das war Zeit seines Lebens ein Kampf mit der Herkunftsfamilie. Er ist daran zerbrochen.

Wir hören gebetsmühlenartig von Statistiken zur Vererbung von Bildung. In den Blick kommen dabei die sogenannten bildungsfernen Schichten, wie die Bürgerlich-Bildungsaffinen die Arbeiter:innenklasse seit einigen Jahrzehnten nennen und diskriminieren.

Unsere zwei Beispiele zeigen auffällige Parallelen zu den Kindern, deren Eltern weniger formale Ausbildung (nicht zu verwechseln mit Bildung!) haben: Die Restriktionen scheinen durchaus ähnlich zu sein.

Man schaut halt nicht hin.

 

mv

Vielleicht

Vielleicht ist ja alles nur ein Traum.
Ein Albtraum.
Ich werde garantiert gleich erwachen und so dankbar sein, dass alles nur ein Albtraum war. Wie so oft, öfter. Öfters schon hatte ich schreckliche Albtraume, ganz verrückte. So wie mein Bruder, einer meiner Brüder, der jüngere und ich eine Leiche verstecken mussten. Wir waren bei einem Heuschober auf einer Wiese. Früher hat es ja noch diese Heuschober gegeben. Nun sind sie ganz
aus der Landschaft verschwunden. Als 2 Freundinnen und ich einmal von Mariazell nach Wien wahlfahrten wollten, war unser Plan komplett auf Selbstversorger zu setzen. Eine hatte ein kleines Heizgerät mit zum Wasserkochen, das solle unser Frühstückskaffee werden, mit Alumatten und
Schlafsäcken ausgestattet wollten wir in Heuschobern übernachten. So weit – so geplant. Nur – es gab keine Heuschober auf unserer Wanderung, die war übrigens nach 2 Tagen beendet. Lange vor dem Ziel Wien. Es ist ja jetzt Mode, das Heu zu Ballen zusammenzurollen, mit einer Kunststofffolie
zu umwickeln, vorzugsweise blau, was mit der grünen Landschaft unharmonisch kontrastriert, liegen diese außerirdischen Klotze nun herum. Wir fanden keinen einzigen Heuschober, das Gras war viel zu feucht, um uns hinzulegen. In finsterer Nacht stoppten wir einen Jeep, der Jäger fuhr uns
in den nächsten Ort, das Gasthaus hatte um Mitternacht längst geschlossen, auf der hinteren Steinterasse schlugen wir unser erstes Nachtlager auf. Das zweite war in einer sogenannten Pilgerherberge, ein roher Dachstuhl vollgestopft mit Stockbetten, gestunken haben die verschwitzten Socken mit ihren Benützern um die Wette, die Dusche funktionierte nur ein paar Minuten mit Münzeinwurf. In der Gaststube lauter Verletzte mit offenen Füßen, es war grauslich.
Am 3. Tag trafen wir unvermutet auf eine Bushaltestelle. Wir sagten uns, wenn jetzt ein Buskommt, also jetzt bedeutete innerhalb der nächsten 6 Stunden, dann nehmen wir den, ungeachtet wohin er fährt. Es kam einer nach 3 Stunden, er fuhr in einen Ort mit Zuganschluß und wir trafennach mehrmaligen Umsteigen wieder in Wien ein.
Ach ja, die Heuschober. Mein Bruder und ich, der jüngere, mussten diese Leiche verschwinden lassen, die Polizei, damals noch Gendarmerie, suchte bereits nach uns. Wer die Leiche war und ob wir die Mörder, das kam im Traum nicht heraus. Jedenfalls war ich nach dem Aufwachen so froh, in meinem Schlafzimmer zu sein und nicht auf dieser Wiese. Aber diesmal war es kein Albtraum. Und so gibt es auch kein Erwachen und alles wird wieder gut. Nein, gestern ist mein Cousin Manfred verstorben, er war Rad fahren, erlitt einen Herzinfarkt und war auf der Stelle tot.

 

ws

hansi im unglück!

solange er sich erinnern kann hatte er eine perspektive auf kollektivität verfolgt; anfänglich in der familie, der schule und im freundeskreis. in der folge waren es die menschen aus seinem umfeld, die, wenn auch oft nur gedanklich, im zentrum von überlegungen und phantasien standen. als jugendlicher stellte er sich öfters vor, was man gemeinsam, direkt- und basisdemokratisch alles diskutieren, entscheiden und verwirklichen könne. die bestehende, repräsentative demokratie war dazu eher hinderlich.

jedoch musste sich der anfängliche schwung, enthusiasmus und die begeisterung mit der zeit abnutzen, durch das alltägliche scheitern am bestehenden machtapparat, an der lohnarbeit, an familiären- und beziehungskonflikten u.ä.m. augenscheinlich und objektiv wurde dies letzlich am gesellschaftlichen backslash des neoliberalismus und seiner verballhornung mit dem neokonservatismus. zusehens konnten die widersprüche, die dissonanzen und leiden am alltag, also die kollektiven anteile des gesellschaftlichen in den subjekten, nicht mehr zur sprache gebracht, in worte gefasst werden. der bezug auf die unteren klassen, der hans immer so wichtig war, wurde madig gemacht. das proletariat, einst eine slbstbewußte klasse und trägerin emanzipativer gesellschaftlicher veränderungen, wurde zu dumpfbackigen individuen erklärt, die bestenfalls für große benzinkutschen (suv’s) und amerikanische einbauküchen interesse zeigten; nicht für ihre problemlagen. dies war der moment, ab den man sagen konnte, dass die subalternen keine (kollektive) sprache besitzen.

eine zeit lang gelang es hans noch sich vermittels theoriearbeit „über wasser“ zu halten. so eine art des „hochhaltens der wahrheit“ gegen die brandungen konsumistischer dummheiten. aber dieser versuch hatte spätestens dort seine grenzen, wo die theorie den bezug zur aktuellen realität verliert und diese nicht mehr begreifen kann. spätesten da wäre eine neu- bzw. umorientierung angesagt gewesen. hans empfand es als persönliches scheitern, dass jedes reden und denken über das leiden an der welt (fast) verschwunden war. natürlich war damit aber das leiden selbst nicht beseitiget sondern nur ins nebelhafte verschoben mit der auflage, dass es in (wenig dienlichen) momenten wieder an die oberfläche tritt. diese abspaltung des verkörperlichten leidens vom denken musste konsequenzen zeitigen: von der depressiven verstimmung bis zum trauma. hans kannte ja viel fälle aus der bekanntschaft dazu; abgesehen von den eigenen problemlagen. eine (entsolidarisierende) „rette sich wer kann“ stimmung kam auf. 

hans wurde klar, dass solche traumata nicht bloß eine angelegenheit der kindheit sind, wie die psychologie nahelegt, sondern dass sie das gesamte leben, das gesamte system des kapitalismus durchzieht. dies vermittels der manigfachen entsubjektivierungen, die den gesamten lebenszyklus der subjekte durchziehen, denen sie unterliegen und dass die gegenformel dazu, das im, gegen und über den kapitalismus hinaus aktiv zu sein, durchaus weitreichende implikationen habe, die mithin möglichkeiten für praktische utopien eröffnet.

 

Die Autor:innen freuen sich über Fortsetzungen und Feedback!